Bigna Lenggenhager

Erzähl uns von deiner Wissenschaft!
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Bigna Lenggenhager ist SNSF Professorin am Psychologischen Institut der Universität Zürich.

Was ist dein Arbeits- oder Forschungsthema?

Mein Forschungsthema ist die Körper- und Selbstwahrnehmung und deren Veränderbarkeit (Plastizität). Ich erforsche, wie das Gehirn Informationen von verschiedenen Sinnesmodalitäten integriert und daraus ein kohärentes Selbstbild konstruiert. Dabei interessiert mich auch, wie diese Mechanismen bei bestimmten neurologischen und psychiatrischen Patienten verändert sind und wie sie sich bei Gesunden experimentell verändern lassen. Das Verständnis davon ist für verschiedene Bereiche interessant und wichtig, nicht nur für die neuropsychologische Grundlagenforschung sondern beispielsweise auch gewisse Bereiche der Robotik.

Wie sieht ein durchschnittlicher Tag für dich aus?

Morgens frühstücke ich mit meiner Familie und schaue, dass die Kinder bereit sind für Krippe, Kindergarten und Schule. Wenn alle aus dem Haus sind, gehe ich ins Büro. Da mach ich, was gerade so ansteht: Meetings mit meinen PhD-Studenten, Versuchsaufbau testen, Vorlesungen und Talks vorbereiten, an Manuskripten arbeiten, Emails beantworten, mit Studenten Projekte besprechen, Daten analysieren, mit Kollaborationspartnern rund um den Globus Skype-Meeting halten, Anträge für Forschunsgelder schreiben, Publikationen lesen und natürlich viel Kaffee trinken. Am Mittag esse ich meist mit meinen Mitarbeitern am Institut, wenn möglich draussen an der Sonne. Die Nachmittage gleichen den Morgen. Am Abend gehe ich dann meistens relative zeitig nach Hause, koche mit meiner Familie und bringe die Kinder zu Bett. Danach setze ich mich nochmals an die Arbeit; es ist die beste Zeit, mich voll und ganz auf eine einzige Sache zu konzentrieren (zum Beispiel auf ein Manuskript).
Zum Glück gibt es aber auch viele nicht durchschnittliche Tage, an denen ich zum Beispiel auf Konferenzen bin und mich mit anderen Forschern austausche.

Was gefällt dir am meisten an deiner Arbeit?

Mir gefällt so vieles an dieser Arbeit: Die Vielfältigkeit, die Interdisziplinarität, das Kreative, das Entwickeln von Ideen, die Vielseitigkeit, die Freiheit, interessanten Dingen gründlich nachzugehen, das Privileg, jeden Tag Neues zu lernen, die Konferenzen und die internationalen Kooperationen, sowie der Austausch mit Studenten und die Möglichkeit, meine Begeisterung weiter zu geben.

Was magst du am wenigsten an deiner Arbeit?

Administrative Arbeit, befristete Verträge, das oft fehlende Geld, bzw. die Absagen der Finanzierung von Projekte, in die man viel Leidenschaft und Arbeit gesteckt hat, der Publikationsdruck, die immer wiederkehrenden Zweifel am Wissenschaftsbetrieb.

Wie ist es so weit gekommen?

Was wolltest du werden, als du ein Kind warst?

Ich würde hier jetzt gerne etwas Originelles oder wenigstens nicht genderkonformes erwähnen, aber nein, ich wollte wie die meisten meiner Freundinnen Lehrerin oder Pferdepflegerin werden.

Gibt es ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Person, die dich dazu gebracht hat, Wissenschaftlerin zu werden? Warum hast du dich für die Wissenschaft interessiert? Hast du dich jemals überlegt eine andere Karriere zu wählen?

Wichtig waren vor allem Vorgesetzte und Mitarbeiter, die mich unterstützt und motiviert haben. Ich hatte wirklich sehr viel Glück mit meinen Mentoren, sie waren allesamt wunderbar, sowohl was ihre Arbeiten und Ideen anbelangt als auch menschlich. Mir war schon im Gymnasium klar, dass ich das Gehirn in seiner ganzen Komplexität erforschen wollte. Ich wurde immer sehr gut beraten z.B. bezüglich Studienplatzwahl. Trotzdem überlege ich mir ständig, ob ich nicht eine andere Karriere oder einen anderen Beruf hätte wählen sollen. Ich denke, zweifeln gehört dazu.

Was war für dich die größte Herausforderung während des Studiums? Was war die wichtigste Motivation, um deinen Abschluss zu machen?

Die grösste Herausforderung war, dass ich eigentlich lieber Medizin studiert hätte. Ich begann dann einfach einmal mit Psychologie, da ich den Numerus-Clausus-Test wegen eines freiwilligen Einsatzes bei einer philippinischen NGO verpasst hatte. Auch danach überlegte ich immer wieder einen Wechsel in die Medizin. Zum Glück wusste ich schon, dass ich Richtung Neurowissenschaften gehen wollte. Dort wird Interdisziplinarität hochgeschrieben, und ob man ursprünglich Psychologie, Medizin oder Physik studiert hat, spielt keine so grosse Rolle mehr.

Wissenschaftlerinnen!

Ist es deiner Meinung nach wichtig, Frauen in der Wissenschaft zu fördern?

Ich denke nicht unbedingt, dass Frauen speziell gefördert werden müssen. Ich glaube vielmehr, dass wir gesellschaftspolitische Änderungen brauchen. Ich persönlich habe in meiner Karriere keine Nachteile erfahren als Frau, hadere aber oft mit in der Gesellschaft sehr stark verankerten Geschlechterklischees, vor allem seit ich Mutter bin. Wünschenswert für alle fände ich auch flexiblere Arbeitsmodelle (z.B. geteilte Professuren) in der Wissenschaft.

Gibt es Frauen in der Wissenschaft, die Dich gerade inspirieren?

Am meisten inspirieren mich Frauen, die begeistert, kreativ und engagiert Wissenschaft betreiben. Aber auch das ist eigentlich nicht geschlechtsspezifisch.

Welche Tipps würdest Du Mädchen geben, die an Naturwissenschaften interessiert sind?

Ich glaube, ich würde Mädchen und Knaben die gleichen Tipps geben. Mach das, was dich wirklich interessiert. Sei neugierig. Und zögere nicht, Leute um Rat zu fragen.

Weil es im Leben auch noch andere Dingen gibt…

Bigna1_kleinWas machst du zum Spaß außerhalb der Arbeit?

Mit Familie und Freunden das Leben in seiner ganzen Vielfalt geniessen.

Kannst du uns etwas zum Anschauen, Lesen, oder Hören empfehlen?

Oh, da gäbe es Vieles. Aber gestern bin ich grad per Zufall wieder über ein Buch gestolpert, das ich während des Studiums gelesen hatte: „Das Buch der verrückten Experimente“ von Reto U. Schneider. Lustig und inspirierend und zeigt auch schön den Sinn und Unsinn von wissenschaftlichen Experimenten auf.

Was ist derzeit das seltsamste Ding auf deinem Schreibtisch?

Ein „Illusionator“ etwas älterer Bauart. Er kann visuellen Illusionen erzeugen. Den habe ich von meinem ehemaligen Professor zu meiner Förderprofessur bekommen. Leider kann ich ihn nicht wirklich brauchen, da er eingesteckt einen Kurzschluss erzeugt.

Und falls ich noch etwas Werbung machen darf: wir freuen uns immer über Besuch und Austausch und suchen auch immer Versuchspersonen, Praktikanten oder andere Interessierte. Du findest uns hier.

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